Wohlbefinden am Arbeitsplatz fördern: In wessen Verantwortung liegt es eigentlich?

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Pille Parind-Nisula

Vor zehn Jahren war es für Führungskräfte noch nicht die Norm, psychische Gesundheitsprobleme am Arbeitsplatz anzugehen. Doch heute priorisieren viele Unternehmen das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden. Trotzdem nimmt arbeitsbedingter Stress weltweit zu. Die Herausforderung besteht darin, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das nicht nur Fluktuation verhindert, sondern auch das persönliche sowie berufliche Wachstum fördert und gleichzeitig zur Weiterentwicklung des Unternehmens beiträgt.

Unternehmen haben dem Wohlbefinden am Arbeitsplatz Priorität eingeräumt, da sie dessen entscheidende Bedeutung für den Geschäftsbetrieb erkannt haben. Als Reaktion darauf wurden verschiedene Programme zur Unterstützung der psychischen Gesundheit von Mitarbeitenden eingeführt, wobei die Pandemie für starken Rückenwind sorgte. Auch wenn die vollen Auswirkungen auf wirtschaftliche Ergebnisse und eine nachhaltige Entwicklung noch nicht für jeden offensichtlich sind, ist der Trend ermutigend und birgt das Potenzial, die Arbeitswelt maßgeblich zu verändern.

Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeitende ihr Wohlbefinden zusammen mit flexiblen Arbeitsmodellen höher bewerten als finanzielle Vergütung. Dennoch nimmt Arbeitsstress weltweit trotz unterstützender Programme weiter zu.

Noch vor einem Jahrzehnt galt das persönliche Wohlbefinden als Privatsache. Psychische Probleme wurden am Arbeitsplatz weitgehend ignoriert. Heute hat sich dieses Bild jedoch grundlegend gewandelt. Mittlerweile erwarten Mitarbeitende von ihren Arbeitgebern nicht nur ein produktives und unterstützendes Arbeitsumfeld, sondern auch Orientierung in Fragen der Gesundheit, der beruflichen Entwicklung, des Finanzmanagements und mehr. Diese veränderte Erwartungshaltung könnte zu einer Art erlernter Hilflosigkeit führen, bei der Menschen sich übermäßig darauf verlassen, dass der Arbeitgeber für ihr Wohlbefinden sorgt.

Wer ist für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz verantwortlich?

Chancen zu schaffen geht immer mit Verantwortung einher. Doch wer sollte die Initiative ergreifen, um unser Wohlbefinden zu gewährleisten? Die häufigsten Antworten lauten „beide“ oder „das kommt darauf an“. In der Realität liegt es in der Verantwortung des Arbeitgebers, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das die physische und psychische Gesundheit fördert. Mit der Weiterentwicklung von Prozessen und Arbeitskultur wird dies jedoch komplexer. Gibt der Arbeitgeber den Mitarbeitenden die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, und nutzen die Mitarbeitenden diese Chance, um Einfluss auf die Arbeitsweise des Unternehmens zu nehmen? Der Aufbau einer fürsorglichen Wohlfühlkultur erfordert die aktive Beteiligung aller. Der gegenseitige Austausch von Erwartungen ist eine treibende Kraft, insbesondere in einem von schnellem Wandel geprägten Umfeld. Wir befinden uns nicht mehr täglich im selben Raum. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Arbeitgeber klar kommunizieren, welche Ergebnisse erwartet werden und wie wir auf der Grundlage vereinbarter Werte gemeinsam im Arbeitsumfeld agieren sollten.

Für Mitarbeitende ist es wichtig, ihre individuellen Erwartungen und Bedürfnisse zu äußern, da dies niemand sonst für sie tun kann. Ein empathischer Arbeitgeber sollte diese unterschiedlichen Bedürfnisse idealerweise erkennen und sich bemühen, ihnen so weit wie möglich gerecht zu werden. Dies ist entscheidend, um arbeitsbedingtem Stress, Burnout und Fluktuation im Unternehmen vorzubeugen.

Muss ich selbst etwas beitragen?

In einem Unternehmen zu arbeiten, dem das Wohl seiner Mitarbeitenden am Herzen liegt und das die psychische Gesundheit fördert, ist ein echter Gewinn. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Unterstützungs- und Trainingsprogramme mit erheblichen Kosten für das Unternehmen verbunden sind und nicht allein aus reinem Wohlwollen entstehen.

Wir alle kennen Situationen, in denen gesagt wird: „Die Führungskraft wird fürs Denken bezahlt; lasst mich einfach meine Arbeit machen.“ Es ist jedoch nicht realistisch zu erwarten, dass eine Führungskraft Angststörungen oder Burnout diagnostiziert und fundierte Ratschläge zum Wohlbefinden erteilt. Für die psychische und emotionale Gesundheit sollten Fachleute aufgesucht werden – genau wie bei einem Knochenbruch. Als Erwachsene tragen wir selbst die proaktive Verantwortung, für unser körperliches, geistiges und emotionales Wohlbefinden zu sorgen und bei Bedarf Hilfe in Anspruch zu nehmen. Fähigkeiten zu entwickeln, um persönliche Belastungen zu erkennen und zu bewältigen, ist entscheidend für das persönliche Wachstum – und dieser Lernprozess kann von Unternehmen unterstützt werden.

Wir erwarten von Arbeitgebern nicht, dass sie in unsere Privatsphäre eindringen, indem sie unsere Schlafmuster über gängige Software überwachen oder unsere Speisepläne und Trainingsprogramme erstellen. Das liegt in unserer eigenen Verantwortung. Als Mitarbeitende müssen wir die Motivation finden, bei der Arbeit unser Bestes zu geben und unsere Leistungsfähigkeit nachhaltig zu sichern. Wenn ich spüre, dass mein aktuelles Arbeitsumfeld toxisch ist oder meiner beruflichen Entwicklung im Wege steht, liegt es in meiner persönlichen Verantwortung, bessere Möglichkeiten für meine Gesundheit und Weiterentwicklung zu suchen. Durch Selbstreflexion über unsere Erfahrungen können wir wertvolle Erkenntnisse für die eigene Weiterentwicklung und das persönliche Wachstum gewinnen.

Soll sich doch die Personalabteilung darum kümmern.

Teilhabe und Engagement können nicht allein der Personalabteilung zugeschrieben werden – genauso wenig wie eine Kultur des Wohlbefindens ausschließlich innerhalb der Grenzen des HR-Teams entstehen kann. Zwar kann die Personalabteilung die Federführung bei der Organisation von Schulungen, der Erstellung von Programmen, der Durchführung von Studien und der Initiierung von Fördermaßnahmen übernehmen, die eine Kultur des Engagements und des Wohlbefindens vorantreiben; die tatsächlichen Veränderungen finden jedoch innerhalb eines Teams unter der Führung seiner Führungskraft statt. Es ist die direkte Führungskraft, die den größten Einfluss auf die Motivation des Teams, das Engagement und die Schaffung eines unterstützenden Arbeitsumfelds hat. In einem Unternehmen, in dem Mitarbeiterentwicklungsgespräche von der Personalabteilung geführt werden, nimmt die Führungskraft ihre Rolle und Verantwortung nicht wahr.

Die Rahmenbedingungen und den Umgangston im Team setzt allein die Führungskraft.

Die Frage ist: Sollten sich Führungskräfte lediglich darauf konzentrieren, einen Wellness-Beauftragten einzustellen, Initiativen zu organisieren und ein positives Vorbild zu sein, um Arbeitsstress zu reduzieren? Auch wenn diese Ansätze hilfreich sind, liegt die wahre Lösung in einem ganzheitlichen System für das Wohlbefinden, an dem alle Beteiligten aktiv mitwirken. Es ist von entscheidender Bedeutung, verschiedene Aspekte des Wohlbefindens regelmäßig und im Kontext der gesamten wirtschaftlichen Aktivitäten zu messen und zu analysieren. Indikatoren des Wohlbefindens sollten zusammen mit anderen strategischen Kennzahlen betrachtet werden und sich durchaus auf die variable Vergütung von Führungskräften auswirken. Zudem sollten die Ergebnisse transparent und für alle leicht nachvollziehbar sein.

In schwierigen Zeiten suchen Mitarbeitende häufiger Rat und Unterstützung bei ihrer Führungskraft. Verschiedene Studien zeigen, dass Mikromanagement, mangelnde Empathie und fehlende Anerkennung sowie ein Mangel an psychologischer Sicherheit diejenigen Faktoren sind, die das Wohlbefinden im Arbeitsumfeld am stärksten beeinträchtigen. In einem toxischen Arbeitsumfeld werden finanzielle Mittel für Unterstützungsangebote oft nicht voll ausgeschöpft, und die Ergebnisse von Zufriedenheitsumfragen spiegeln die tatsächliche Lage möglicherweise nicht präzise wider. Als Führungskräfte müssen wir uns zwingend fragen, ob wir wirklich verstehen, was unsere Mitarbeitenden in diesem Moment am meisten brauchen.

Wohlbefinden ist eine Fähigkeit

Eine empathische Führungskraft hat das aufrichtige Anliegen, die Gedanken und Erwartungen der Teammitglieder in Bezug auf ihren Arbeitgeber zu verstehen. Wenn eine Führungskraft Fürsorge zeigt, sind Teammitglieder eher bereit, eigene Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Kultur entsteht durch Zusammenarbeit, und jeder Einzelne trägt dazu bei. Die Fähigkeit, Stress zu bewältigen und sich gegenseitig zu unterstützen, zeigt: Wohlbefinden ist eine Kompetenz, die trainiert werden kann.

Die Führungsarbeit eines Managers spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg eines Unternehmens. Kein Hilfsprogramm und kein Achtsamkeitstraining können echten Wert schaffen, wenn sie nicht von einer Kultur des Wohlbefindens getragen werden. Führungskräfte, die lebenslanges Lernen fördern und neue Lösungen erproben, setzen Maßstäbe, denen andere folgen können. Inspirierende Führung lässt sich nicht als Dienstleistung zukaufen, und eine unterstützende Arbeitskultur ist für Mitarbeitende laut aktuellen Untersuchungen wertvoller als jedes Programm.

In Zeiten des Wandels ist es unerlässlich, Teammitglieder zu ermutigen, über ihr persönliches Wohlbefinden hinaus einen Beitrag zu leisten. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden in die Planung und Umsetzung von Veränderungen einbeziehen, sind langfristig erfolgreicher. Die bloße Rückkehr zu „normalen Bedingungen“, bei denen sich der Fokus von Fragen des Arbeitsumfelds wieder rein auf traditionelle Finanzergebnisse verschiebt, unterstützt weder lebenslange Entwicklung noch Wohlbefinden als Kernkompetenz.

 

Pille Parind-Nisula, Oktober 2023

Ursprünglich veröffentlicht auf personaliuudised.ee

 


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