Auf dem Wellenkamm reiten

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MR im Büro

Estland nutzt seine geringe Größe optimal, während seine Start-ups auf der Welle des KI-Booms an die europäische Spitze reiten.

 

„Erleben Sie die wahre Stärke EX-orientierter Führung! Stärken Sie Ihr Team! Testen Sie unser Tool für kontinuierliches Mitarbeiter-Feedback. Erhalten Sie datengestützte Einblicke und KI-gestützte Management-Tipps.“ So bewirbt das estnische Unternehmen Moticheck die von ihm entwickelte Plattform zur Arbeitsplatzbeobachtung, für die Aidan, der weltweit erste
KI-Unternehmensberater, zu einer Art virtuellem Werbegesicht geworden ist.

Aidan ist „ein ständig verfügbarer Unternehmensberater, der eine neutrale Perspektive zur Verbesserung von Produktivität, Mitarbeiterbindung und Führungskompetenzen bietet“ und „in der Lage ist, die umfassenderen Anforderungen der
Organisation zu berücksichtigen und auf eine enorme Datenmenge zuzugreifen“.

Der CEO und Mitgründer von Moticheck, Martin Rajasalu, berichtet, dass ihm die Idee zu Moticheck aus seinen eigenen Erfahrungen und denen anderer Führungskräfte kam. „Wenn man Teams unterschiedlicher Größe und an
verschiedenen Standorten leitet, stellt sich oft die Frage, wie es ihnen wirklich geht. Wie denken die Mitarbeiter tatsächlich über das Unternehmen und ihre Führungskräfte, und wie beurteilen sie ihre eigene Arbeit?“ Rajasalu spricht über
die Hintergründe von Moticheck in seinem Büro im Tallinner Stadtteil Veerenni.

„Doch für die Kommunikation und das Stellen von Fragen stehen meist nur sehr begrenzte Ressourcen zur Verfügung – obwohl das Unternehmen wahrscheinlich jährliche Entwicklungsgespräche, Stimmungsumfragen und Ähnliches durchführt. Es gibt keinen Dialog, wenn er wirklich gebraucht wird. Moticheck ändert das grundlegend.“

Die Geschichte von Moticheck hat gerade erst begonnen. Das Unternehmen wurde vor drei Jahren gegründet und verfügt über ein paar Schreibtische in einem großen Gemeinschaftsbüro. Nachdem die Idee geboren war, benötigten Rajasalu und sein Partner sowohl Erfahrung im B2B-Vertrieb als auch einen Kapitalgeber, der an sie glaubte. Einen Investor fanden sie im estnischen Softwareentwickler Progmatic, und mit Pille Parind-Nisula konnten sie eine angesehene Mentorin und ehemalige Bankmanagerin in Estland für die Leitung des Vertriebs gewinnen.

Das Sprachangebot von Moticheck umfasst mittlerweile 16 Sprachen, darunter auch Finnisch. „Moticheck hat Nutzer in Europa und Asien in rund 20 Ländern. In der Regel sind unsere Kunden lokale Unternehmen, die in mehreren Ländern tätig sind, sowie einige internationale Marken“, sagt Rajasalu. „Natürlich wollen wir auch in Finnland den Durchbruch schaffen und haben dort bereits Pilotprojekte im Vertrieb durchgeführt. Eine Möglichkeit, den finnischen Markt schneller zu erschließen, wäre ein einflussreicher Investor oder Kunde vor Ort. Wir sind zuversichtlich.“

Estland erlebt derzeit einen Boom im Bereich der künstlichen Intelligenz, und Moticheck ist eines der vielen Start-ups, die auf dieser Welle reiten und auf dem internationalen Markt Fuß fassen wollen. Einer der Vorteile von Estlands geringer Größe liegt genau darin: Um erfolgreich zu sein, muss sich ein Unternehmen von Beginn an über die Landesgrenzen hinaus orientieren.

Es gibt viele ermutigende Beispiele für estnische Start-ups, die künstliche Intelligenz nutzen und zu beachtlicher Größe herangewachsen sind. Dazu gehören beispielsweise die Identifikationsplattform Veriff und Ready Player Me, ein Anbieter für Gaming-Avatare.

Das estnische Unternehmen Alpha3D, das künstliche Intelligenz nutzt, wandelt 2D-Bilder automatisch in ein 3D-Format um und richtet seinen Blick ebenfalls auf die internationale Bühne. Zu den Kunden und Partnern von Alpha3D zählen Unternehmen aus der Gaming- und Modebranche sowie große internationale Konzerne wie der französische Automobilhersteller Renault und der US-amerikanische Grafikprozessorenhersteller Nvidia.

Alpha3D wurde vor fünf Jahren von den estnischen Seriengründern Madis Alesmaa und Rait-Eino Laarmann ins Leben gerufen, die beide bereits an zahlreichen weiteren Unternehmen beteiligt sind, obwohl sie erst Anfang dreißig sind. Die bisherige Entwicklung von Alpha3D war jedoch nicht von Beginn an ein reiner Siegeszug. Die eigene Plattform wurde erst Anfang 2023 fertiggestellt, und auch Finanzierungsmittel flossen keineswegs mühelos. Alesmaa nennt Meta und PwC als Geldgeber; insgesamt hat das Unternehmen bisher zwei Millionen Euro an Fördermitteln und Investitionen eingeworben – ein Bruchteil dessen, was viele andere estnische Start-ups aufbringen.

In Estland genießen Start-up-Gründer fast schon den Status von Rockstars.

90 Prozent des Umsatzes von Alpha3D stammen aus den Vereinigten Staaten und Asien, und laut Alesmaa plant das Unternehmen, bereits in diesem Jahr eigene Niederlassungen in den USA und in Asien zu eröffnen. Die Internationalität spiegelt sich auch im Büro von Alpha3D in Tallinn wider: Im 40-köpfigen Team sind 15 Nationalitäten vertreten. Alesmaa lobt ausdrücklich die estnische Wirtschaftsförderungsagentur EAS, die Unternehmensgründungen in Estland unkompliziert gestaltet.

„Die EAS hat uns nicht nur Türen geöffnet, sie hat für Start-ups förmlich den roten Teppich ausgerollt“, beschreibt er. Die EAS wird oft als der Hauptgrund für Estlands hohe Dichte an Start-ups und mittlerweile auch an KI-Unternehmen genannt – zusammen mit zwei weiteren staatlichen Akteuren: Startup
Estonia und AIRE, d. h. AI & Robotics Estonia.

Obwohl Estland auf freie Marktwirtschaft und Eigeninitiative setzt, mangelt es Start-up-Technologieunternehmen im Land keineswegs an Unterstützung, Starthilfe und Förderung. Und das ist noch nicht alles: Die estnischen Ministerien haben gemeinsam ein spezielles staatliches Entwicklungsprogramm für künstliche Intelligenz ins Leben gerufen, das darauf abzielt, das Datenmanagement des öffentlichen Sektors voranzubringen und zugleich KI-Initiativen der Privatwirtschaft zu unterstützen.

Für die Jahre 2022 und 2023 erhielt das Programm 20 Millionen Euro an staatlichen Fördermitteln. Wie der Name schon sagt, konzentriert sich AIRE gezielt auf künstliche Intelligenz und insbesondere auf deren Einsatz in der Industrie. AIRE ist an die Technische Universität Tallinn (TalTech) im Stadtteil Mustamägi angebunden und veranstaltet dort unter anderem Club- und Networking-Abende für Branchenvertreter aus dem In- und Ausland.

Eine geringere Arbeitsproduktivität gehört zu den Achillesfersen der estnischen Industrie. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz könnte sie auf das Niveau von Finnland und den nordischen Ländern angehoben werden.

Kaire Tammer, Marketingleiterin von AIRE, nennt sogleich erstklassige Beispiele für estnische Industrieunternehmen, die begonnen haben, das Potenzial künstlicher Intelligenz zu nutzen, oder mit denen bereits Demoprojekte realisiert wurden: Die Druckerei Print Best beantwortet Angebotsanfragen automatisch, der Maschinenbaubetrieb IntelliDry automatisiert Getreidetrockner, das Verpackungsunternehmen Raiku Packaging entwickelt Produktionstechnologien zur weltweiten Skalierung, und das Pharmaunternehmen Chemi-Pharm steigert mithilfe von künstlicher Intelligenz Produktivität und Logistik.

Obwohl Estland oft als eines der führenden Länder Europas bei der Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz bezeichnet wird, dämpft Tammer allzu große Euphorie. „Das ist eine zu gewagte Behauptung. Estland hat seine Vor- und Nachteile, aber eine unserer unbestreitbaren Stärken ist unsere geringe Größe. Dadurch können wir schnell auf Neuerungen reagieren und neue Lösungen rasch einführen.“ Laut Tammer gibt es in Estland viele vielversprechende KI-Unternehmen unter der Oberfläche, von denen man noch hören wird. Estlands
Ruf als aussichtsreicher Standort für Start-ups ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Wie Startup Estonia berichtet, geben etliche Start-ups in Estland an, im Deep-Tech-Bereich tätig zu sein. Marina Bachmann, Kommunikationspartnerin bei Startup Estonia, verweist auf Pactum AI, eine KI-basierte Plattform für automatisierte Verhandlungen, und Auve Tech, einen Entwickler von autonom fahrenden Fahrzeugen und Transportsystemen. „Erwähnenswert sind auch Fyma, das Echtzeit-Videoanalysen entwickelt, sowie Better Medicine, das die Auswertungszeit für Radiologen verkürzt.“

In Estland genießen Start-up-Gründer fast schon den Status von Rockstars, und die Summen, die sie einwerben und erwirtschaften, werden genau verfolgt. Laut Bachmann wächst der Umsatz estnischer Deep-Tech-
Unternehmen rasant: 2023 zahlten sie rund ein Viertel mehr an Arbeitgeberbeiträgen als im Vorjahr.

Auch Unternehmen, die über Estlands E-Residency-Programm gegründet wurden – deren Eigentümer also sogenannte E-Residents sind –, tragen ihren Teil zum estnischen KI-Boom bei. Dabei handelt es sich um
ausländische Staatsbürger, die nicht zwingend in Estland leben, aber die fortschrittlichen digitalen Behördendienste Estlands nutzen können, um ihr Unternehmen zu führen.

Pille im Einsatz
Bei Moticheck werden das eigene Unternehmen und sein Potenzial zur weltweiten Expansion realistisch eingeschätzt. Martin Rajasalu räumt ein, dass Moticheck mehr Umsatz und Investitionen benötigt, um zu wachsen und sich weiterzuentwickeln – kurzum: mehr Kapital. „Wir sind jedoch bereits so weit, dass wir die laufenden Kosten aus dem eigenen Umsatz decken können.“ Die staatliche Unterstützung für estnische Start-ups wird laut Rajasalu oft überschätzt. Staatliche Förderprogramme zielen ihm zufolge vor allem darauf ab, die traditionelle Wirtschaft zu digitalisieren und zu erneuern. „Für SaaS-Unternehmen sind sie von geringem Nutzen. Das finnische Büro der EAS hat uns hingegen sehr dabei geholfen, Informationen über den finnischen Markt zu sammeln und
unter anderem eine Liste potenzieller Partner in Finnland zusammengestellt. Ein solches lokales Know-how ist sprichwörtlich Gold wert.“

Das Jahr 2023 war für Start-up-Unternehmen weltweit anspruchsvoll, ganz besonders jedoch in Estland. Zuvor hatte der Technologiesektor dort außergewöhnlich viele Investitionen angezogen, bevor die Geldhähne der Investoren – unter anderem infolge des Krieges in der Ukraine – deutlich zugedreht wurden. „Dem Markt ist nicht das Geld ausgegangen, aber heute ist es klüger, sich auf den Kundenservice, den Vertrieb und die Weiterentwicklung des eigenen Produkts zu konzentrieren“,
so Rajasalu. „Unser Team ist so klein, dass jede Stunde, die in die Investorensuche fließt,
für das eigentliche Kerngeschäft fehlt.“

In jüngster Zeit haben mehrere estnische Unternehmen das Land verlassen, oder ihre Eigentümer haben zumindest angekündigt, einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen. Für Rajasalu bleibt Estland dennoch ein hervorragender Standort zum Gründen. Er beklagt sich
nicht einmal über die rasch steigenden Energie- und Arbeitskosten im Land. „Das estnische Steuersystem ist für jedes Unternehmen vorteilhaft, auch für Wachstumsunternehmen. Dank der überschaubaren Größe und des hohen technologischen Standards ist Estland eine hervorragende Plattform, um eigene Produkte zu entwickeln und zu testen – was sich auch positiv in der hohen Zahl neuer KI-Start-ups in Estland widerspiegelt“, erklärt er. „Es gibt viel unnötigen Hype, doch die KI-Branche entwickelt sich derzeit sowohl in Estland als auch international rasant.“

Die mangelnde Expertise potenzieller Kunden betrachtet Rajasalu als Hürde für KI-Unternehmen. „Ich habe an einem Finanzierungswettbewerb teilgenommen, bei dem es enorm schwer war, in kurzer Zeit den Mehrwert von künstlicher Intelligenz für eine bessere Führungsqualität zu vermitteln. In der Jury saßen Personen, die selbst keinerlei Führungserfahrung hatten“, führt er als Beispiel an. „Wir haben auch KI-Lösungen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen gesehen – für die Anwender unverzichtbar, von potenziellen Geldgebern oder Förderern jedoch oft nicht verstanden. Deshalb entstehen derzeit viele bedeutende Entwicklungen hinter den Kulissen, ganz ohne großes Aufsehen.“

 

Ein Artikel von Sami Lotila.

Ursprünglich veröffentlicht in TIVI (Alma Media) am 20.02.2024.

 


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